Kurzbericht der Erkundungsfahrt im Mai 2010

Im Mai 2010 fuhr eine Delegation des Vereins Hand in Hand nach Palästina, um Erkundungen bezüglich Projektmöglichkeiten und Partnern zu machen. Marijke Kaffka-Backmann schrieb hierüber einen Kurzbericht. […]


 

Frühförderung und Betreuung behinderter Kinder und deren Familien im Westjordanland

 

Vom 24.05.-31.05.2010 hatten wir auf Einladung des Vereins „Hand in Hand für Palästina“ und dem palästinensischen Kooperationspartner „Palestinian Center for Growth and Human Development (PCGHD), Ramallah, die Möglichkeit einen Einblick in die Situation behinderter Kinder und deren Familien sowie deren Betreuung in den palästinensischen Gebieten im Westjordanland zu bekommen. Ziel der beiden Vereine ist der Aufbau eines Familienzentrums mit aufsuchender Hilfe (Mobile Frühförderung), sowie Fortbildungsangeboten für Familien. Aufgrund der synergetischen Effekte bietet sich der strukturell-interdisziplinäre Ansatz unserer Frühförderstelle gerade in strukturschwachen Regionen besonders an.

 

Als wir gefragt wurden, ob wir unser Know-How einbringen könnten, entstand schnell die Idee, dass interessierte Palästinenser bei uns hospitieren könnten, um so unseren Arbeitsansatz praktisch kennenzulernen und die für sie übertragbaren Elemente später bei sich vor Ort zu erproben. Da wir im Jahr 2009 unseren inhaltlichen Schwerpunkt auf das Thema „Muslimische Familien in der Frühförderung“ festgelegt hatten, bot sich zudem ein partnerschaftlicher Austausch, von dem beide Seite profitieren können, geradezu an.

 

MustafaUm von vornherein die Vorzüge interdisziplinären Arbeitens zu verdeutlichen, bat ich Dr. Udo Kalbe um fachliche Unterstützung. Dr. Udo Kalbe ist Kinderarzt und der ehemalige Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums Pelzerhaken. Darüber hinaus hatte Barbara Könnecke die Möglichkeit ihre Erfahrungen aus einem einjährigen Arbeitsaufenthalt 2001 in einem Krankenhaus in Israel einzubringen. Barbara Könnecke arbeitet als Frühförderin und Ergotherapeutin (Bobath und Sensorische Integration) in unserer Frühförderstelle.

Aufgrund seiner Erfahrung als ehemaliger Leiter der Einrichtung „Starmountain“ für Menschen mit Behinderungen in Ramallah organisierte Sebastian Schneider vom Verein „Hand in Hand für Palästina“ die Reise, mit einer Vielzahl von Vorträgen, Diskussionen, Gesprächen und Besuchen von Familien.

 

So hielten wir Vorträge über den strukturell-interdisziplinären Ansatz unserer Arbeit und die komplementäre Zusammenarbeit von Sozialpädiatrischen Zentren und Frühförderstellen in Deutschland, über die Vorzüge der aufsuchenden Interdisziplinären Frühförderung, über Bewältigungsstrategien von Behinderung, über die Bedeutung der Familie für das behinderte Kind und die Bedeutung des behinderten Kindes für die Familie, über Cerebralparese und die Rolle des Arztes innerhalb der interdisziplinären Teams. Im rahmen der Vorträge wurden uns 3 Kinder mit ihren Müttern vorgestellt, um an den entsprechenden Behinderungen direkt konkrete Förderkonzepte vorzustellen. Vor der Abreise hatten wir uns überlegt, wie wichtig die Anwendung der ICF gerade in dieser Krisenregion wäre, um die Lage der Kinder strukturiert verdeutlichen zu können. Schon nach unserem ersten Vortrag verwarfen wir diese Idee. So wichtig uns die ICF in unserer komfortablen Situation hier in Deutschland erscheinen mag, so unbedeutend wird dieses, eigentlich so wichtige Instrument, wenn man vor Ort  einen kleinen Eindruck vom alltäglichen Leben im Westjordanland bekommt.

 

Ich hatte mir fest vorgenommen als Fachfrau, die Fachvorträge hält, ins Westjordanland zu reisen. Vor Ort stellte ich schnell fest, dass jede Handlung politisch ist. Allein der Besuch, der Aufenthalt, der Wissenstransfer jenseits der Mauer, welche die besetzten Gebiete in Israel markiert, ist eine politische Botschaft, die sowohl die israelische als auch palästinensische Seite in ihrem Sinne deutet.

 

Für mich ist allein entscheidend, dass kein Kind in Angst aufwachsen darf, wo immer es auf dieser Welt lebt. Verängstigte Kinder haben geringere Entwicklungschancen, weil sie nicht ihrem Entwicklungsstand entsprechend explorieren, ihre Welt entdecken können. Eltern in Angst, Familien, deren Zusammenhalt besonders durch Feindbilder befördert wird, Restriktion und Unberechenbarkeit im alltäglichen Leben, Demütigung und Hass beeinträchtigen eine gesunde Kindesentwicklung.

 

GhanaAnfang September 2010 werde ich im Rahmen unseres Eurlyaid-Treffens (Vernetzung auf europäischer Ebene) (www.eurlyaid.net) über das Projekt berichten. Wenn es die politische Lage erlaubt, wird uns Ende September/ Anfang Oktober eine kleine Gruppe aus dem Westjordanland für eine Woche besuchen. Für das Frühjahr 2011 ist eine vierwöchige Hospitation von zwei KollegInnen bei uns geplant. Wir hoffen, Ende März 2011 gemeinsam mit Dr. Mohammed Brighieth (Klinischer Psychologe aus Ramallah, Direktor der Partnerorganisation PCGHD) das Projekt anlässlich des zweijährlich stattfindenden VIFF-Symposions in Berlin (www.fruehförderung-viff.de) im Rahmen eines Vortrags vorstellen zu können.

Die großartige Gastfreundschaft und Offenheit, die wir erleben durften, das beeindruckende fachliche Interesse und der Wunsch nach inhaltlichem, partnerschaftlichem Austausch lassen hoffen, dass das begonnene Projekt mit der Koordination von Sebastian Schneider gute Weiterentwicklungschancen hat.

 

 

Begegnungen, Treffen, Vorträge und Gespräche:

 

  • Educational Science Faculty & Ramallah Women’s Training Center, Gespräch mit der Direktorin, Vortrag für zukünftige Physiotherapeutinnen
  • Princess Basma Centre, Besichtigung des Krankenhauses, hier wurden eine Mutter mit Kind aus Gaza vorgestellt.
  • Treffen mit einem sehbehinderten, jungen Mann (Mohammed), der von „Hand in Hand für Palästina“ ein individuelles Vergrößerungslesegerät bekommen hat.
  • Palestinian Medical Relief Society (PMRS), Gespräch mit dem Direktor und Vorträge sowie Vorstellung von Kind, Mutter und Therapeutin für Ärzte, Therapeuten und CBR-Worker (Community Based Rehabilitation),
  • Centre for Autistic Children, Elternvereinigung, Vortrag und Diskussion
  • Palestinian Center for Growth and Human Development (PCGHD), Vortrag und Diskussion mit dem Vorstand der Organisation
  • Qabalan Medical Centre, Vortrag und Fragen sowie Rundgang
  • Qabalan-Es Sawye, Familienbesuch beim Regionaldirektor
  • Community House at Qabalan-Es Sawye, Gespräch mit den Gemeindevertretern
  • Familienbesuch in Abu Falah, neuer Aufzug für eine behinderte Jugendliche (Hayat), Rollstuhlanpassung ist notwendig
  • Al Jasmine Parents Organisation, Führung, Diskussion, bestehende Partnerschaft mit Uppsala, Schweden, Wunsch nach fachlichem Know-How
  • PMRS Health School, Vortrag für Healthworker in zweijähriger Schulung
  • Rantis Vocational Class, kleine Berufsförderschule für acht behinderte Mädchen
  • Besuch bei Mustafa und seiner Familie, Aboud, die Straße ist nun barrierefrei
  • Christian School and Integration Kindergarten Aboud, Vortrag und Diskussion Kind, Ort für eine mögliche Stationierung von Frühfördermitarbeitern
  • Private Einladung bei Ghana, Masterdegree Early Childhood und Mutter einer autistischen Tochter und ihrer Familie.
  • Life Gate, Bethlehem, Christliches Zentrum für Menschen mit Behinderungen, Führung und kurze Diskussion
  • Dr. Mohammed Brighieth, Ramallah, kurze Reflektion und Ausblick auf die zukünftige Zusammenarbeit
  • Nes Amimm, Führung, deutsch-jüdische und israelisch-arabische Versöhnung.

 

Juni 2010

 

Marijke Kaffka-Backmann, Leiterin der MARLI-Mobile Frühförderstelle in Lübeck

 

 

"Wem gehört das Heilige Land?"
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