„Wem gehört das Heilige Land?“

Bericht über die Informations- und Diskussionsveranstaltung „Wem gehört das Heilige Land“ in Zusammenarbeit mit „Hand in Hand für Palästina e.V.“ am 20. Juni 2010 in Lübeck–Kücknitz.

 

Wem gehört das Heilige Land?  Diese Frage beschäftigte ca. 20 Teilnehmer/Innen im Gemeindezentrum „Alte Post“ in Lübeck-Kücknitz. Kaum eine andere Auseinandersetzung bestimmt die täglichen Nachrichten mehr als die zwischen Israel und Palästinensern. Ganz aktuell und im Bewusstsein aller Teilnehmer/innen war die brutale Kaperung eines Schiffes, welches die Blockade zum Gazastreifen durchbrechen wollte. Allen Anwesenden waren die freigesetzten Emotionen auch in den späteren Diskussionen anzumerken. Gerade für uns deutsche Diskutanten spielt der Holocaust noch eine besondere Rolle in dieser Auseinandersetzung. Die Veranstaltung begann mit einem kurzen historischen Abschnitt.

 

Die Juden leiten den Besitzanspruch auf das Land der „göttlichen Verheißung“ und aus der Geschichte bis zur Vernichtung des Tempels in Jerusalem um ca. 70 nach Christus ab. Araber und Moslem sehen die Juden eher als Religionsgemeinschaft an, die keinen Anspruch auf einen eigenen Staat hat. Sicher scheint zu sein, dass Araber und Juden immer gemeinsam im Nahen Osten gelebt haben. Im Laufe der wechselvollen Geschichte des Nahen Osten traten immer wieder unterschiedliche Herrscher, Machthaber und Eroberer auf. Liegt dieses Land doch geopolitisch gesehen im Durchgangsbereich zwischen Ost und West und Nord und Süd. Daher schien es den Teilnehmer/innen auch in der späteren Diskussion müßig, die „historische“ Wahrheit zu suchen, zumal dieses auch nicht unbedingt friedensstiftend ist.

 

1948 wurde das Land durch die Vereinten Nationen in zwei Hälften geteilt, um Palästinensern und Juden das Recht auf einen eigenständigen Staat zuzusprechen. Der Entscheidung der Vereinten Nationen wurde nur von den Israelis zugestimmt und in Folge der Staat Israel ausgerufen. In den nächsten Jahrzehnten gelang es Israel dank seiner militärischen Überlegenheit die Vormachtstellung gegenüber Palästina festzuschreiben. Mehr und mehr wurden weitere Gebiete (Ostjerusalem, Gazastreifen, Westjordanland) dazu gewonnen. Die Hoffnung auf einen eigenen palästinensischen Staat, festgelegt im Osloer Friedensabkommen 1993, zerschlug sich jedoch, da Israel durch westliche Unterstützung und forcierte Siedlungspolitik seine politischen Intentionen nicht aufgab. So müssen sich heute die Palästinenser mit 23% des ehemaligen Mandatsgebietes zufrieden geben, während sich Israel unrechtmäßig davon 77% aneignen durfte.

 

Persönliche Eindrücke in Israel und Palästina durch Anette Schneider rundeten den historischen Rückblick eindrucksvoll ab. Anette schilderte ihre Erfahrungen mit den Israelis als sehr europäische, aufgeschlossene und weltoffene Menschen. Der kulturelle Unterschied zu Europa wäre nicht sehr groß, so dass man sich dort schnell heimisch fühlen konnte. Die Entscheidung beruflich ins Westjordanland zu wechseln fiel ihr daher zunächst sehr schwer. In Israel spricht man nicht viel oder eher negativ über das Westjordanland, sie sollte sehr „vorsichtig“ mit Arabern sein.

 

Der Kontrast zwischen Wohlstand und Sicherheit jüdischer Siedlungen im Westjordanland, und arabischen Dörfern mit mangelnder Wasserversorgung, abgeschnitten von der Infrastruktur und ohne Zugang zum israelischen politischen und rechtlichem System, abgeschnitten von medizinischer und sozialer Grundversorgung, fällt umgehend auf. Auf der anderen Seite zeigte sie sich zutiefst beeindruckt von einer kaum bekannten Gastfreundschaft und Herzlichkeit der Palästinenser, die sie so in Israel und sonst wo nicht kennen gelernt hat. Sie und ihre Familie sind dort äußerst freundlich und entgegenkommend aufgenommen worden und haben viele dieser Menschen schnell ins Herz geschlossen.

 

In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass es bei dem israelisch – palästinensischen Konflikt nicht nur um nationale Interessen geht, sondern auch um grundsätzliche Auseinandersetzungen zwischen dem Westen und dem Islam geht. Durch den Aufstieg der europäischen Zivilisation entstand bei den Muslimen ein Gefühl der Erniedrigung durch den Westen, die USA und den Zionismus, der als Gipfel des westlichen Imperialismus gegen den Islam gesehen wird. Andere Diskussionsteilnehmer/innen wiesen darauf hin, dass jede Förderung sozialer, medizinischer oder kultureller Projekte bei den Israelis als Affront aufgefasst werden könnte und so eine Zusammenarbeit mit den Palästinensern äußerst spannungsvoll gestalten könnte. Diesem muss man wohl Rechnung tragen, hier soll jedoch ein Zitat von dem israelitischem Schriftsteller Amos Oz genannt werden:

 

Was kann ein gewöhnlicher Mensch tun, der vor einem gewaltigen Feuer steht? Er kann versuchen, dem Brand zu entkommen und all die ihrem Schicksal überlassen, die nicht schnell genug laufen können oder nicht wissen wohin. Er kann aber auch den Teelöffel, den er in der Hand hält, immer wieder mit Wasser füllen und es in die Flammen spritzen. Jeder von uns hat so einen Teelöffel. Wir brauchen in Israel wie auch in Palästina eine ‚Teelöffel-Kampagne‘, bei der JEDER mitmacht und sein Äußerstes gibt, um dieses ewige Rad von Unterdrückung, Mord, Vergeltung und Vergeltung der Vergeltung endlich anzuhalten.“

Dem bleibt nur noch hinzuzufügen, dass die Teilnehmer/innen vor der Gruppenarbeit mit einem fantastischen palästinensischen Essen, vor- und zubereitet von Anette und Sebastian, verwöhnt wurden. Schon allein der Anblick und der Geschmack der Speisen haben dazu motiviert, Palästina selber kennen zu lernen und um ein deutliches Zeichen zu setzen, dass wir sie nicht vergessen haben. Schade, dass kaum Mitglieder der Schleswig-Holsteinischen Diakonatsgemeinschaft den Weg nach Lübeck gefunden haben. Es gibt vielfältige Möglichkeiten, des Kennenlernens, der Information und der Kontakte. Der Arbeitskreis Palästina der Diakonatsgemeinschaft gibt euch eine Plattform hier mitzugestalten, oder Anregungen für eure eigene Arbeit in den verschiedenen Berufsfeldern zu vermitteln. Macht mit bei der Teeleföffel-Kampagne, sie ist ein kleines, bescheidenes Stückchen Friedensarbeit.

Dieter Waldner

 

Im letzten Teil der Veranstaltung wurde das Plenum in zwei Arbeitsgruppen geteilt, die sich je mit einer Frage bzw. einer Aufgabe befassten, deren Ergebnisse auf Wandzeitungen zusammengefasst wurden.

1.  Ideen für ein Kinder- und Familien-Zentrum KiFaZ

  • Kontakte auch zu Organisationen in Gaza nutzen, um ein Konzept für ein Pilotprojekt zu entwickeln, dass überall in Palästina umsetzbar ist.
  • Es gibt eine Geschäftsmann, der sehr preisgünstige Klaviere im Nahen Osten verkauft und karitative Aktivitäten unterstützt, um seine Geschäfte bekannt zu machen (Sponsoring). Evtl. kann eine kleine Musikschule dem KiFaZ angegliedert werden (Laura erneuert den Kontakt).
  • Barenboim-Said-Stiftung und Yehudi-Menuhin-Stiftung anfragen wie eine Unterstützung gewährt werden kann.
  • Die Fachschule Heimerziehungspfleger in Hamburg bietet für ihre Azubis die Möglichkeit eines Auslandspraktikums an, evtl. auch in Palästina möglich (Austauschprogramm ?)
  • Kunst- und Musikhochschulen ansprechen um Studenten für musische Angebote in Sommercamps zu werben (Kontakt über Dieter)
  • Ebenso Sportschulen und Athleten

 

2.  Gestaltungselemente einer Begegnungsfahrt nach Palästina

  • Ziele: Zuhören und die palästinensische bzw. deutsche Seite verstehen lernen – kein Friedensprozessersatz
  • Themen: Schuldgefühl und Sprachlosigkeit der Deutschen; Familien hier und dort erleben; andere Formen der Gemeinschaft (z.B. Diakonatsgemeinschaft) kennen lernen (Gemeinschaft leben trotz Unterschiede); soziale Einrichtungen besuchen, insbesondere ehrenamtliche Initiativen. z.B Tafeln, Mittagstische, Obdachlose; typische Feste hier und dort; Musik hier und dort; Armut auf beiden Seiten;
  • Orte / Landschaften: Ostsee, Stadt, Nordsee, Berlin, Inseln, HH-Hafen // Dörfer, Checkpoints, Wüste
  • Besonders: Hand in Hand Schulen mit arabisch-jüdischer Schulerziehung, Abraham’s Herberge

Sebastian Schneider

Ein interessanter Blick ins "Heilige Land"
Kurzbericht der Erkundungsfahrt im Mai 2010